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Sprichst Du Afrikanisch?

Im Bewusstsein vieler deutscher Bürger ist Afrika etwas, das sehr weit ist, ein von Krieg und Hungersnot geplagtes „Land“. Dass Afrika genau wie Europa ein Kontinent — mit 54 unterschiedlichen Staaten — ist, wird von den Wenigsten wahrgenommen.

In meinem Sozialen Umfeld ist es bekannt, dass ich es nicht mag, dass man mich als Afrikanerin bezeichnet. Daran ist eigentlich nichts falsch, da mein Land tatsächlich auf dem afrikanischem Kontinent liegt. Aber ich möchte genauso wenig nur als „Afrikanerin“ bezeichnet werden, wie –ich denke — die Deutschen nur als Europäer anstatt „Deutsch“ benannt werden möchten. Wie alle anderen Menschen, habe ich eine genauere Herkunft, und sie sollte auch als solche wahrgenommen werden. Wie viele Deutsche, Österreicher oder Schweizer würden mit der Begründung, dass ihr Land auf dem Europäischen Kontinent liegt, damit einverstanden sein, ständig als Europäer bezeichnet zu werden? Und das nicht nur ein Mal oder ab und zu, sondern „immer“, ohne jegliche Bezugnahme auf ihre Herkunftsländer? Irgendwann würden sie, wenn es nicht sofort geschieht, ihr Land nennen, um ihre Herkunft kundzutun. Genauso möchte ich auch als Ivorerin wahrgenommen werden, deswegen nenne ich mein Land jedes Mal, wenn mich jemand fragt, ob ich aus Afrika komme. Wieviel davon hängen bleibt, weiß ich nicht genau. Aber eine Sache ist sicher, ich lasse die Bezeichnung „Afrikanerin“ nicht  gelten.

Genauso stellt sich die Frage der Sprache. Wie oft habe ich auf diese Frage „Sprechen Sie/Sprichst Du Afrikanisch?“ mit der Gegenfrage „Sprechen Sie/Sprichst Du Europäisch?“ geantwortet? Ich weiß offen gesagt nicht mehr. Aber diese trotzige Antwort wird sehr oft nur von einer Minderheit verstanden. Der Rest versteht nicht, was das „Ganze“ soll, und ich werde manchmal mit großen Augen angeschaut, aber das macht nichts. Sogar Kinder werden von dieser Frage nicht verschont. Auch meine Tochter, die hier geboren ist und die Elfenbeinküste nur durch Urlaub oder Besuch bei meinen Verwandten kennt, erzählt mir von solchen Fragen bei Geburtstagen, Treffen mit neuen Bekanntschaften usw.  Auch sie wird gefragt „Kannst Du Afrikanisch?“ oder ähnliches. Wenn ich ehrlich bin, finde ich es bei Kindern, aber verzeihlicher.
Da meine deutschen Freunde meine Reaktion auf diese Frage und meine Einstellung kennen, sind sie im allgemeinen diejenigen, die einschreiten, bevor ich überhaupt zu einer Antwort komme. Jetzt wo ich schreibe, stelle ich fest, dass ich mich nie gefragt habe, wieso sie so oft an meiner Stelle reagieren. Vielleicht  geht es darum, einem Eklat vorzubeugen? Weiß ich nicht genau. Ich habe nur festgestellt, dass sie oft einschreiten. Aber ich habe noch  nie gefragt wieso (vielleicht sollte ich das nächste Mal nach ihrem Grund fragen):
Eine Sache ist sicher, Afrika wird sehr oft als einheitlich gesehen, meistens ohne böse Absicht dahinter, aber das macht die Sache nicht weniger nervig. Wie oft werde ich nach „afrikanischen“ Kochrezepten, Essgewohnheiten, Musik usw. gefragt? Ich versuche immer zu antworten, dass ich nur Auskunft über das Gebiet, das ich kenne geben kann: Westafrika. Und das geht nur, weil ich die Chance hatte, viele Westafrikanischen Ländern zu bereisen, sonst würde ich nur über mein Land berichten können.
Dass wir die anderen Regionen Afrikas — die nicht zu unseren Ländern gehören –, genauso wie sie nur durch Bücher, Fernsehberichte kennen, (oder durch Freunde und Bekannte aus diesen Regionen), scheint beim durchnittlichen Deutschen, der sich nicht besonderes für den afrikanischen Kontinent interessiert, noch nicht angekommen zu sein. Man trifft eine dunkelhäutige Frau, und denkt sich: „Bestimmt kommt sie aus Afrika“. Und los geht es mit den oben genannten Fragen… Der Katalog davon ist länger als die beiden, die oben zitiert sind: dazu gehört noch, zum Beispiel: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ „Wie lange sind sie in Deutschland?“ „Wollen sie zurück in Ihr Land?“ usw.
Jedes Mal wenn man eine neue Bekanntschaft macht, geht das Fragen wieder von vorne los, mit einigen Unterschieden, so dass man diese Fragen einfach erwartet. Ich glaube das Fehlen dieses Befragungsgespräches, das manchmal sogar einem Verhör ähnelt, mich wundern würde. Deswegen habe ich gelernt, damit zu leben, obwohl es mich nicht traurig machen würde, wenn diese Fragen verschwinden würden.

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