Archiv | Januar 2013

„La mort subite“ oder der plötzliche Tod

Als ich ich die Elfenbeinküste vor mehr als einem Jahrzehnt verließ, kannte ich diesen Begriff (im  Zusammenhang mit dem Essen) nicht. La mort subite, also der „plötzliche Tod“ ist die Bezeichnung, die die Ivorer einer einzigen Mahlzeit am Tag geben (ohne Möglichkeit eine andere zu sich zu nehmen).

Die Ivorer haben sich angewöhnt sehr ernsten Themen den Stachel weg zu nehmen, indem sie sie zu Witz machen. Z.B AIDS im Französischen SIDA, wurde damals sofort in „Syndrome Inventé pour Décourager les Amoureux“ umbenannt: d.h. erfundene Syndrome um die Liebenden abzuschrecken. Die Bezeichnung „La mort subite“ geht in derselben Richtung. Leider ist die „mort subite“ fast alltäglich geworden. Viele schätzen sich sogar glücklich einmal am Tag  essen zu können.

Zahlreiche Menschen haben ihre Lebensgrundlagen durch Krieg und Regierungswechsel verloren, und damit ist die  Kaufkraft der Ivorer den Bach runter gegangen. Viele, die eine Arbeit hatten, haben sie nicht mehr.  Andere mussten in ihrer Flucht vor den Kämpfen alles hinter sich lassen, um überhaupt am Leben zu bleiben. Man konnte meinen, dass die Leute, die geflohen sind, jetzt  zurückgehen könnten, da die Kämpfe aufgehört haben, aber ihr Grund und Boden ist meistens von den Siegern besetzt worden. So haben sich die Menschen auf der Suche nach Sicherheit in den Städten, (vor allem in Abidjan) versammelt. Da sie kein Einkommen mehr haben macht ihnen das Leben nicht einfach, weil es etwas wie Harzt IV in der Elfenbeinküste nicht gibt. Familien, Freunde und Bekannte können vielleicht helfen solange sie nicht in derselben Lage sind, aber das ist alles. Der Staat fühlt sich nicht für sie verantwortlich. Die Lebensmittelspreise gehen sogar jeden Tag in die Höhe, so dass immer mehr Leute von diesem „plötzlichen Tod“ betroffen sind. In der Vergangenheit gab es mit Sicherheit Menschen, die nicht genug zu essen hatten, und deshalb gezwungen waren einmal  am Tag zu essen, aber es war nicht verbreitet, und ich persönlich kannte niemanden. Jetzt gibt es so viele wie nie zuvor und ich fürchte es wird immer mehr geben.
Jetzt sprechen die Ivorer nicht mehr von dem Warenkorb (le panier de la ménagère). In der Elfenbeinküste haben die Menschen diesen ökonomischen Begriff auch umgeändert. Sie sprachen, als die Hausfrau sich kaum was auf dem Markt kaufen konnte von den Tütchen (le sachet de la ménagère) anstatt vom Warenkorb, und da die Preise noch in die Höhe geschossen sind reden sie jetzt von löchrigen Tütchen (le sachet troué).

Wenn das Tütchen noch kaum Lebensmittel beinhalten konnte, was kann eines mit einem Loch oder sogar mit Löchern?

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(Frohes) neues Jahr?

5 Januar 2013

Ein neues Jahr ist eigentlich Grund zur Freude. Das scheint nicht der Fall in der Elfenbeinküste zu sein, da das Jahr mit schlimmen Ereignissen angefangen hat.
Alles fing in der Silvesternacht an, wo mehrere dutzend Menschen, die sich an einem Feuerwerk erfreuen wollten, ihr Leben verloren haben. Offiziell sind es 63 Opfer. Andere  Quellen sprechen von 150 bis 200 Toten. Die richtige Zahl der Opfer liegt warscheinlich dazwischen, da die einen (die Regierung) die Zahlen so niedrig wie möglich halten wollen und die anderen (die Opposisitionellen Zeitungen) sie zu übertreiben versuchen. Leider….
Zwei Blogger: Diaby Mohamehd und Cyriac Gbogou, die Klarheit in der Sache bringen wollten, und die Bevölkerung nach diesem Drama via Twitter Zeitnah informiert hatten, wurden am Freitag 4. Januar in der Früh deswegen festgenommen. Sie wurden einige Stunden in Gewahrsam genommen und verhört, bevor man sie am Ende des Vormittags frei ließ. Ihr Verbrechen? Sie wollten die Anzahl der Opfer zahlenmässig erfassen! Gbogou und Diaby waren mit anderen Bloggern am 1. Januar zu der Leichenhalle von Treichville gefahren, wo sie mit Hilfe von Angehörigen eine Liste der Vermissten und Toten gefertigt hatten. So konnten sie 93 Tote namenlich identifizieren und diese Liste veröffentlichen. Aus diesem Grund wurden Diaby Mohamehd und Cyriac Gbogou für einige Stunden in Gewahrsam genommen und verhört. Der Innenminister Hamed Bakayoko warf  ihnen eine „Interferenz in dem Funktionieren der Behörde und in der Information“ (1) vor. Keiner hatte eine Anklage die so lautet zuvor gehört

Das Traurige an diesem Drama ist, dass warscheinlich keiner zur Verantwortung gezogen wird. Natürlich ist Seitens der Regierung eine Untersuchung angeordnet worden, aber sie wird wie für die anderen Dramen (z.B. von Nahibly) mit großer Warscheinlichkeit ohne Ergebnis bleiben.
Das Jahr 2013 hat auf schreckliche Weise angefangen und es scheint keine Ende zu nehmen, da die schlimmen Ereignisse sich einander zu folgen scheinen.
Am zweiten Januar kenterte eine Pirogue mit 5 Passagieren an Bord. Kein Überlebender konnte gefunden werden. Am selben Tag gab es zwei schwere Autounfälle in Abidjan und in Dimbokro (10 Tote). Diese Liste unschöner Ereignisse hatte mit einer Brandkatastrophe am 31 Dezember 2012, wo 27 Häuser verbrannt waren, angefangen. Dadurch wurden 150 Menschen in die Obdachlosigkeit gestürzt.

Viele Menschen in der Elfenbeinküste haben im Moment wenige Gründe zur Freude, da sie nicht viel zu feiern haben.

 

(1) Diese Anklage wurde von diesem Minister erfunden