Côte d´Ivoire ein tief gespaltenes Land

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Könnt ihr euch vorstellen, dass während der EM ein Teil der Bevölkerung mit der deutschen nationalen Mannschaft mitfiebert und ihr fest die Daumen drückt, damit sie den Wettbewerb gewinnt, während der Rest inbrünstig betet, dass die Mannschaft verliert und sich blamiert? Unmöglich? Doch so etwas hat es tatsächlich gegeben! Zwar nicht in Deutschland, aber bei dem Africa-Cup, Anfang diesen Jahres. Das deutet auf eine tiefe Spaltung im Land hin.

Dass die Elfenbeinküste politisch gespalten ist, ist schon länger bekannt. Diese Spaltung war es, die zu Unruhen und zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Land geführt hatte. Aber die Menschen in der Elfenbeinküste lieben ihre verschiedenen „Elefanten“ (so werden die nationalen Mannschaften genannt, sei es Handball-, Basketball-, usw.) und vor allem die Fußball- Nationalmannschaft. Die Ivorer – vor allem die Männer – sind nahezu fußballverrückt, und wenn es um die Fußball-Mannschaft geht, sind sie bereit, auf Vieles zu verzichten, um sie zu unterstützen. Ich habe wenige Frauen erlebt, die diese Leidenschaft für die Elefanten, teilen, aber das hindert sie nicht, an der Feier teilzunehmen, jedes Mal, wenn die Elefanten gewinnen. Deswegen ist die Tatsache, dass ein Teil der Bevölkerung die Elefanten-Fußballer während des Afrika-Cups 2012 nicht unterstützt, sehr außergewöhnlich.

Wie kam es so weit, dass manche Ivorer ihrer eigenen Mannschaft eine Niederlage wünschten? Es hat mit der politischen Situation im Land zu tun. Nach dem Sturz  von Laurent Gbagbo und der Verfolgung seiner Anhängern- die bis heute andauert – tragen viele Ivorer den neuen Präsidenten nicht in ihren Herzen und haben ihren Frieden mit ihm noch nicht gemacht. Gbagbos Nachfolger Alassane Ouattara hat zwar einen Ausschuss gegründet, der die Bevölkerung versöhnen soll, aber die Commission Dialogue Vérité et Réconciliation (CDVR) – übersetzt die Kommission für Dialog Wahrheit und Versöhnung – scheint kaum mehr als eine kosmetische Angelegenheit zu sein, die das Ausland über die Lage in der Elfenbeinküste beruhigen soll. Die CDVR wird jedes Mal angeführt, wenn die Rede von der Elfenbeinküste ist, um zu zeigen, dass man etwas tut, um das Land zu befrieden. Aber in Wirklichkeit hat Konan Banny, der Leiter dieser Kommission, bis jetzt nichts erreicht. Immerhin hat er geschafft die Mitglieder zu benennen, aber das ist bereits alles. Die Fronten zwischen den verfeindeten Lagern sind verhärtet und der Dialog ist vor allem schwieriger geworden,  seitdem Laurent Gbagbo an den internationalen Gerichtshof in Den Haag überstellt worden ist.
Das war die Ausgangslage in der Elfenbeinküste beim Start des Afrika-Cups. Verschärft wurde sie, als Alassanne Ouattara und die Regierung und sogar die UNO mit Ban Ki Moon beschlossen, dass die Trophäe des Afrika-Cups unbedingt in die Elfenbeinküste zurückkehren solle, um die Versöhnung voranzutreiben. Sie hofften, das Beispiel von 1992 zu wiederholen zu können, als nach dem Sieg beim Afrika-Cup eine Art Burgfried einzog. Damals waren von 1990 bis 1992 Parteien Gewerkschaften und Studentenbewegungen auf die Straßen gegangen, um politische Forderungen und Demokratie durchzusetzen; was zu großen Unruhen und vielen Verhaftungen von Politikern und Studenten geführt hatte, darunter Laurent Gbagbo und seine Frau Simone. Aber während des damaligen Afrika-Cups hatten die Menschen die Straßen verlassen um die Elefanten zu unterstützen. Nach dem Erfolg haben alle gemeinsam mit dem Volk gefeiert und die politische angespannte Lage ruhen lassen. Im Unterschied zu damals war es jedoch keine „Absprache“, sondern die Situation war spontan und ohne Aufforderung entstanden, weil die Ivorer fußballverrückt sind. Ein weiterer wichtiger Unterschied zu 2012: Es hatten keine Kämpfe stattgefunden, bei denen es Tote und Verletze gab.
Durch die öffentliche Aussage, die Ivorer mit der Trophäe versöhnen zu wollen, haben die UNO und die Regierung eher viele Leute gekränkt und vor den Kopf gestoßen. Damit haben sie die Unterstützung eines Teils der Bevölkerung verloren, die sich eben nicht mit einer Fußballtrophäe begnügen können und wollen. Das war und ist ihnen zu wenig, um ihre Verletzungen und ihre Toten zu vergessen.
Mit dem fortschreitenden Erfolg der Elefanten und dem Erreichen des Finales gegen Zambia, wurde die Lage noch schlimmer, da die Anhänger von Laurent Gbagbo sich verhöhnt fühlten. Verschiedene Aussagen haben dazu beigetragen, z.B. hieß es: 1992 war Alassane Dramane Ouattara an der Macht (damals Houpouet Boignys Minister Präsident, der wegen Krankheit nicht mehr regieren konnte) und Laurent Gbagbo im Gefängnis – mit der Anspielung, „wo er hingehört“ – und die Wiederholung dieser Lage in 2012 könne nur zum wiederholten Erfolg von Ouattara führen. Dazu kam, dass Ouattara im Fernseher angekündigt hatte, nach Gabun, wo das Finale stattfand, zu fliegen, um die Trophäe persönlich abzuholen und die Versöhnung zu vollenden.
Dabei hatten er und die UNO übersehen, dass zu viele Menschen zu tief verletzt waren, um sich mit einer billigen Versöhnung mittels einer Fußball-Trophäe abzugeben. Die Tatsache, dass die UNO an dieser Kampagne teilnahm, kränkte noch mehr Menschen, da diese an der Bombardierung des Landes beteiligt gewesen war.
Dass die UNO ihre Neutralität auf dieser Art verletzte und in einem sportlichen Ereignis so offensichtlich für die Elfenbeinküste Partei ergriff, fand ich persönlich beschämend. Zambia ist auch doch Uno-Mitglied, also wieso hat sich Ban Ki Moon so ungeschickt angestellt und nur die Elfenbeinküste unterstützt?
Leider ist es sehr oft so mit der Elfenbeinküste, dass das Interesse für das Land so groß ist, dass sich die großen Mächte immer einmischen. Überall wurde Ban ki Moon im ivorischen Nationaltrikot präsentiert. Handelte sich um eine Fotomontage oder hat er das Trikot wirklich getragen? Dazu kann ich nichts sagen. Jedenfalls war er so in etlichen Zeitungen und im Internet abgebildet. Er erklärte höchstpersönlich seine Unterstützung für die Elefanten „um das Land zu versöhnen“. Die Hoffnung war, dass ein Sieg der Elefanten, Alassane Ouattara auf eine Welle der Euphorie (der Ivorer) reiten lassen würde, und somit den Weg ins Herz der Menschen finden würde, die ihn bisher ablehnten.

Leider hatten Regierung und UNO diese Rechnung ohne den Wirt – sprich: den Sport – gemacht, vergessend, dass Politik und Sport (in diesem Fall Fußball) nicht immer den gleichen Regeln folgen. Und dass sich geschichtlich einmalige Ereignisse nicht beliebig und auf Knopfdruck wiederholen lassen.
Die Niederlage ließ den Teil der Bevölkerung aufatmen, der sich an diese Maskerade nicht beteiligen wollte, und deswegen einen Sieg ablehnte. Sie wollten eine richtige Versöhnung statt der Instrumentalisierung dieses Sieges, während die wirklichen Probleme nicht angesprochen wurden: d.h. das Leiden unter der FRCI und die Verfolgung der Bevölkerung

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