Archiv | Juli 2012

Massaker vor der Nase der UNO

Seit Samstagvormittag kursieren schreckliche Bilder vom Flüchtlingslager von Nahibly (West der Elfenbeinküste) im Internet und in den verschiedenen oppositionellen Zeitungen. Sie sind schwer zu ertragen, da die Menschen auf diesen Bildern auf barbarische Weise ermordet worden sind.

Nahibly ist ein Nachbarort von Duékoué, wo schon im Frühling 2011, 800 Menschen (offizielle Zahl)(1) ermordet worden waren. Damals war Laurent Gbagbo noch an der Macht, aber der Westen der Elfenbeinküste schon unter der Macht der FRCI (2) gefallen. Nach diesem Massaker, hatte sich niemand wirkliche Mühe gemacht, die Verantwortlichen zu nennen oder zu Rechenschaft zu ziehen. Alle waren damit beschäftigt Gbagbo von der Macht zu schassen, und ihm womöglich so viele Verbrechen in die Schuhe zu schieben. Obwohl Laurent Gbagbo damals eine internationale Untersuchung gefordert hatte, da er sich vehement wehrte die Schuld an dieses Massaker zu tragen, wurde er nicht erhört. Dieses Verbrechen  bleibt also bis heute ungesühnt. Anders war es nicht zu erwarten, da die Verantwortlichen bekannt sind: Nämlich die Dozo (3) und die Milizen von Alassane Ouattara, der jetzige Machthaber. Aber jeder –die NGO inbegriffen —  tut als ob sie nicht zu ermitteln wären.
Was war dann unter diesen Umständen zu erwarten, wenn nicht eine Wiederholung? In der Nacht von Freitag auf Samstag, war es soweit: Mehrere hunderte Menschen überfielen das Flüchtlingslager von Nahibly, töteten mehrere Leute auf brutalste Weise und zündeten das Lager an. Seitdem liefern sich UNO und die Regierung von Alassane Ouattara einen Zuständigkeitskrieg. Unter wessen Schutz standen diese Flüchtlinge? Keiner will die Verantwortung übernehmen und UNO und Ivorische Regierung schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu.
Fakt ist, dass das Flüchtlingslager von UNO Soldat (von Marokko) mit der Hilfe der FRCI bewacht war, aber die wurden scheinbar von der Menge der Angreifer erschreckt und ließen sie gewähren.
Das Flüchtlingslager wurde von Menschen, die ursprünglich vom Norden der Elfenbeinküste stammen angegriffen. Diese Angreifer wurden von nicht Ivorern (Leute die von Ländern wie Burkina Faso, Guinea usw.) unterstützt. Der Norden der Elfenbeinküste teilt viele Gemeinsamkeiten mit diesen Völkern, die teilweise jenseits der Grenzen zu finden sind. Außerdem teilen sie meistens dieselbe Religion: der Islam. Diese Gemeinsamkeiten machen sie zu Verbündeten.
Im Westen der Elfenbeinküste ist der Boden besonders fruchtbar, so dass viele Menschen ihre ursprüngliche Heimat verlassen haben, um dort Kaffee oder Kakao anzubauen. Seit dem Sturz von Laurent Gbagbo beobachtet man ein anderes Phänomen. Die ursprünglichen Bewohner dieser westlichen Region werden zugunsten der nordischen oder ausländichen Ankömmlingen durch Gewaltausübung enteignet; wenn sie nicht aus Angst um das eigene Leben schon geflohen sind. Diese Situation hat viele Menschen aus ihren Dörfern vertrieben, um Schutz in den Flüchtlingslagern zu finden. Nahibly war ein solches Lager. Über 5000 Menschen sollen dort  vor dem Angriff  präsent gewesen sein.
Der Ursprung dieses Angriffs  auf das Flüchtlingslager scheint auf eine Racheaktion zurückzuführen zu sein. Denn bevor das Lager attackiert worden ist, wurde das  bewohnte Viertel der Angreifer von Banditen überfallen. Mehrere Menschen wurden ausgeraubt und vier davon getötet. Überzeugt, dass die Täter des Überfalls im Flüchtlingslager zu finden waren, haben sich dann mehrere hunderte vom Norden und von den Nachbarländern stammenden Männern zusammen getan um das Lager zu überfallen, und anzuzünden. Den Angreifern wurden scheinbar von FRCI-Soldaten und Dozo geholfen.
Die Zahl der Toten ist noch nicht bekannt. Offiziell werden 13 Tote genannt, aber inoffiziell werden bis zu über 100 Tote in den verschiedenen Zeitungen erwähnt. Das Rote Kreuz wurde sogar daran gehindert die Toten zu holen, damit die Zahl im Dunkeln bleiben kann. Man vesucht die Zahl der Toten nach unten zu drücken.
Die Regierung hat mehr als 24 Stunden gebraucht um eine Stellungnahme abzugeben. Darin hieß es, dass das Lager angeblich ProGbagbo Milizsoldaten beherbergen würde. Und man hätte auch dort Waffen gefunden. Dann frage ich mich, wenn es so ist: wo war die Polizei? Hätte man diese Milizsoldaten nicht einfach verhaften können anstatt die  Bevölkerung, die nichts damit zu tun hatte, und die ohnehin schon alles verloren hat —außer ihr Leben– zu ermorden? Klar ist, dass  angesichts der Missbilligung einige ihrer Unterstützer aus westlichen Ländern, die Regierung schnell die Schuld von sich schieben und dieses zigste Massaker von sich weisen will.
Dazu gehört auch diese gegenseitige Schuldzuweisung mit der UNO. Wer möchte schon für sowas verantwortlich sein? Wer war für diese Menschen wirklich verantwortlich? Der Kampf für die Übernahme der Verantwortung geht weiter.
Was für ein Armutszeugnis!!

(1) Die offizielle Zahl ist oft anders als die Tatsächliche, die meistens höher ist.

(2) FRCI: jetztige Armee der Elfenbeinküste, die mono-regional ist. Sie stammen fast alle vom Norden und gehörten zur einstigen Rebellenarmee

(3) Dozo: eigentlich traditionelle Jäger von der nördlischen Region der Elfenbeinküste. Sie gehörten zur ehemaligen Rebellenarmee und sind jetzt einer Art Hilfkraft der FRCI.

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Pressefreiheit ivorische Fasson

Wie oft wird Angela Merkel spöttisch „Mutti“ oder „Angie“ in den verschiedenen Zeitungen oder Berichten genannt? Das kann man wirklich nicht mehr zählen oder? Aber ich habe nie gehört, dass sie deswegen Journalisten anklagen oder noch hinter Gitter bringen wollte.

So nicht in meinem Heimatland wo wir seit dem 11. Avril 2011  mit einer „richtigen“ Demokratie zu tun haben. Für diejenigen die es noch nicht wissen, es war der Tag des Sturzes und der Festnahme von Laurent Gbagbo der „schlimmste Diktator unter der Sonne“ (der Ausdruck ist von mir) (1).
Eigentlich sollte man meinen, dass  alles jetzt gut läuft, und die Pressefreiheit garantiert ist –gehört auch doch zu einer Demokratie oder? Aber wie kommt es dann, dass die Journalisten in der Elfenbeinküste noch nie so verfolgt waren wie heute? Was nicht der Fall unter dem „Diktator “ Laurent Gbagbo war, der sogar ein Gesetz zu  ihrem Schutz erlassen hatte, findet jetzt unter dem „Demokrat“ Alassane Ouattara statt.
Der Präsident der Elfenbeinküste ist „heilig“, sogar mehr als der Papst — den darf man noch in der Elfenbeinküste kritisieren —  so nicht Alassane Ouattara. Deswegen werden immer wieder Zeitungen oder Zeitschriften (natürlich oppositionelle) für mehrere Ausgaben gesperrt; Journalisten abgemahnt usw…, wenn sie es wagen sich an sein Image zu attackieren.
Verbote, Ausgaben-Sperrung (von Zeitungen), Anzeigen, Einschüchterung gehören mittlerweile zum Alltag des Journalismus, der sich der aktuellen Regierung nicht unterwerfen will.
Ständig werden neue Mitteilungen veröffentlicht um sie einzuschüchtern. Der CNP, „Conseil national de la Presse“ (National Rat der Presse) dessen Aufgabe, die Regulierung der Presse ist, hat sich in ein Organ der Unterdrückung umgewandelt.
Ihr letzter Geistesblitz sorgte für Furore im Netz, nämlich die letzte Mitteilung von Raphael Lakpé der Leiter des CNP: darin wird es verboten den Vornamen „Dramane“ des Präsidenten zu  benutzen, weil es angeblich nicht sein Vorname sei, sondern der seines Vaters. Zur Erinnerung: bis zum 15 Juni 2012 –Tag der Veröffentlichung dieses Kommuniqués — war sein offizieller Name Alassane Dramane Ouattara, abgekürzt ADO. Seine Anhänger haben sogar diese Abkürzung ADO zu „Argent Diamant Or“ (übersetzt: Silber Diamant Gold) umgeändert, da der Mann milliardenschwer sein soll.
Ferner wurde die Verwendung des zweiten Vornamen „Alassane“ ohne Nachname, auch in diesem Kommuniqué verboten. Darin hieß es, es sei ungehörig und respektlos den Vornamen des Präsidenten ohne Beifügung des Nachnamen zu benutzen, deswegen würden diejenigen die es tun,sich der Gefahr einer disziplinarischen Sanktion zur Kassieren aussetzen.
Dass einer in der Vergangenheit so seriöser Rat sich dazu hinreißt eine solche Meldung zu veröffentlichen, sagt viel über die Art der Macht, die momentan das sagen in der Elfenbeinküste hat.

Der Wirbel im Net (es geht nur dort) hat nicht lange auf sich warten lassen, um die Sache ins lächerliche zu ziehen.  Schade nur, dass „Reporter ohne Grenzen“ oder die gleichen über die Lage der Journalisten – ein paar sind übrigens im Gefängnis – nichts sagt und im Fall der Elfenbeinküste seit dem Regierungswechsel verstummt ist.

(1) Ironisch gemeint ( nur für diejenigen, die es nicht gemerkt hätten)

Côte d´Ivoire ein tief gespaltenes Land

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Könnt ihr euch vorstellen, dass während der EM ein Teil der Bevölkerung mit der deutschen nationalen Mannschaft mitfiebert und ihr fest die Daumen drückt, damit sie den Wettbewerb gewinnt, während der Rest inbrünstig betet, dass die Mannschaft verliert und sich blamiert? Unmöglich? Doch so etwas hat es tatsächlich gegeben! Zwar nicht in Deutschland, aber bei dem Africa-Cup, Anfang diesen Jahres. Das deutet auf eine tiefe Spaltung im Land hin.

Dass die Elfenbeinküste politisch gespalten ist, ist schon länger bekannt. Diese Spaltung war es, die zu Unruhen und zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Land geführt hatte. Aber die Menschen in der Elfenbeinküste lieben ihre verschiedenen „Elefanten“ (so werden die nationalen Mannschaften genannt, sei es Handball-, Basketball-, usw.) und vor allem die Fußball- Nationalmannschaft. Die Ivorer – vor allem die Männer – sind nahezu fußballverrückt, und wenn es um die Fußball-Mannschaft geht, sind sie bereit, auf Vieles zu verzichten, um sie zu unterstützen. Ich habe wenige Frauen erlebt, die diese Leidenschaft für die Elefanten, teilen, aber das hindert sie nicht, an der Feier teilzunehmen, jedes Mal, wenn die Elefanten gewinnen. Deswegen ist die Tatsache, dass ein Teil der Bevölkerung die Elefanten-Fußballer während des Afrika-Cups 2012 nicht unterstützt, sehr außergewöhnlich.

Wie kam es so weit, dass manche Ivorer ihrer eigenen Mannschaft eine Niederlage wünschten? Es hat mit der politischen Situation im Land zu tun. Nach dem Sturz  von Laurent Gbagbo und der Verfolgung seiner Anhängern- die bis heute andauert – tragen viele Ivorer den neuen Präsidenten nicht in ihren Herzen und haben ihren Frieden mit ihm noch nicht gemacht. Gbagbos Nachfolger Alassane Ouattara hat zwar einen Ausschuss gegründet, der die Bevölkerung versöhnen soll, aber die Commission Dialogue Vérité et Réconciliation (CDVR) – übersetzt die Kommission für Dialog Wahrheit und Versöhnung – scheint kaum mehr als eine kosmetische Angelegenheit zu sein, die das Ausland über die Lage in der Elfenbeinküste beruhigen soll. Die CDVR wird jedes Mal angeführt, wenn die Rede von der Elfenbeinküste ist, um zu zeigen, dass man etwas tut, um das Land zu befrieden. Aber in Wirklichkeit hat Konan Banny, der Leiter dieser Kommission, bis jetzt nichts erreicht. Immerhin hat er geschafft die Mitglieder zu benennen, aber das ist bereits alles. Die Fronten zwischen den verfeindeten Lagern sind verhärtet und der Dialog ist vor allem schwieriger geworden,  seitdem Laurent Gbagbo an den internationalen Gerichtshof in Den Haag überstellt worden ist.
Das war die Ausgangslage in der Elfenbeinküste beim Start des Afrika-Cups. Verschärft wurde sie, als Alassanne Ouattara und die Regierung und sogar die UNO mit Ban Ki Moon beschlossen, dass die Trophäe des Afrika-Cups unbedingt in die Elfenbeinküste zurückkehren solle, um die Versöhnung voranzutreiben. Sie hofften, das Beispiel von 1992 zu wiederholen zu können, als nach dem Sieg beim Afrika-Cup eine Art Burgfried einzog. Damals waren von 1990 bis 1992 Parteien Gewerkschaften und Studentenbewegungen auf die Straßen gegangen, um politische Forderungen und Demokratie durchzusetzen; was zu großen Unruhen und vielen Verhaftungen von Politikern und Studenten geführt hatte, darunter Laurent Gbagbo und seine Frau Simone. Aber während des damaligen Afrika-Cups hatten die Menschen die Straßen verlassen um die Elefanten zu unterstützen. Nach dem Erfolg haben alle gemeinsam mit dem Volk gefeiert und die politische angespannte Lage ruhen lassen. Im Unterschied zu damals war es jedoch keine „Absprache“, sondern die Situation war spontan und ohne Aufforderung entstanden, weil die Ivorer fußballverrückt sind. Ein weiterer wichtiger Unterschied zu 2012: Es hatten keine Kämpfe stattgefunden, bei denen es Tote und Verletze gab.
Durch die öffentliche Aussage, die Ivorer mit der Trophäe versöhnen zu wollen, haben die UNO und die Regierung eher viele Leute gekränkt und vor den Kopf gestoßen. Damit haben sie die Unterstützung eines Teils der Bevölkerung verloren, die sich eben nicht mit einer Fußballtrophäe begnügen können und wollen. Das war und ist ihnen zu wenig, um ihre Verletzungen und ihre Toten zu vergessen.
Mit dem fortschreitenden Erfolg der Elefanten und dem Erreichen des Finales gegen Zambia, wurde die Lage noch schlimmer, da die Anhänger von Laurent Gbagbo sich verhöhnt fühlten. Verschiedene Aussagen haben dazu beigetragen, z.B. hieß es: 1992 war Alassane Dramane Ouattara an der Macht (damals Houpouet Boignys Minister Präsident, der wegen Krankheit nicht mehr regieren konnte) und Laurent Gbagbo im Gefängnis – mit der Anspielung, „wo er hingehört“ – und die Wiederholung dieser Lage in 2012 könne nur zum wiederholten Erfolg von Ouattara führen. Dazu kam, dass Ouattara im Fernseher angekündigt hatte, nach Gabun, wo das Finale stattfand, zu fliegen, um die Trophäe persönlich abzuholen und die Versöhnung zu vollenden.
Dabei hatten er und die UNO übersehen, dass zu viele Menschen zu tief verletzt waren, um sich mit einer billigen Versöhnung mittels einer Fußball-Trophäe abzugeben. Die Tatsache, dass die UNO an dieser Kampagne teilnahm, kränkte noch mehr Menschen, da diese an der Bombardierung des Landes beteiligt gewesen war.
Dass die UNO ihre Neutralität auf dieser Art verletzte und in einem sportlichen Ereignis so offensichtlich für die Elfenbeinküste Partei ergriff, fand ich persönlich beschämend. Zambia ist auch doch Uno-Mitglied, also wieso hat sich Ban Ki Moon so ungeschickt angestellt und nur die Elfenbeinküste unterstützt?
Leider ist es sehr oft so mit der Elfenbeinküste, dass das Interesse für das Land so groß ist, dass sich die großen Mächte immer einmischen. Überall wurde Ban ki Moon im ivorischen Nationaltrikot präsentiert. Handelte sich um eine Fotomontage oder hat er das Trikot wirklich getragen? Dazu kann ich nichts sagen. Jedenfalls war er so in etlichen Zeitungen und im Internet abgebildet. Er erklärte höchstpersönlich seine Unterstützung für die Elefanten „um das Land zu versöhnen“. Die Hoffnung war, dass ein Sieg der Elefanten, Alassane Ouattara auf eine Welle der Euphorie (der Ivorer) reiten lassen würde, und somit den Weg ins Herz der Menschen finden würde, die ihn bisher ablehnten.

Leider hatten Regierung und UNO diese Rechnung ohne den Wirt – sprich: den Sport – gemacht, vergessend, dass Politik und Sport (in diesem Fall Fußball) nicht immer den gleichen Regeln folgen. Und dass sich geschichtlich einmalige Ereignisse nicht beliebig und auf Knopfdruck wiederholen lassen.
Die Niederlage ließ den Teil der Bevölkerung aufatmen, der sich an diese Maskerade nicht beteiligen wollte, und deswegen einen Sieg ablehnte. Sie wollten eine richtige Versöhnung statt der Instrumentalisierung dieses Sieges, während die wirklichen Probleme nicht angesprochen wurden: d.h. das Leiden unter der FRCI und die Verfolgung der Bevölkerung