Laurent Gbagbo: Für die einen ein Diktator – für die anderen ein Held

Spätestens nach der Krise, die der Präsidentschaftswahl gefolgt ist, wissen viele Deutsche dass es ein Land gibt, das Elfenbeinküste (Côte d´Ivoire ) genannt wird und das in West Afrika liegt. Einigen Fußballfans wird es bekannt sein, da es die Heimat von Didier Drogba, Nationalspieler der Elfenbeinküste und Spieler des FC Chelsea ist. Doch das spielt für die Wahrnehmung der Politik dieses Landes in den westlichen Ländern keine große Rolle.

Doch mit der Polit-Krise der Elfenbeinküste Ende November 2010, die darin gipfelte, dass das Land zwei Präsidenten hatte, änderte sich die Wahrnehmung des Landes in der restlichen Welt. Das westafrikanische Land eroberte plötzlich die Radio- und Fernsehnachrichten, wobei dort fast immer nur eine Version der Situation zu lesen, zu hören oder zu sehen war:
Laurent Gbagbo, der Diktator, der seit zehn Jahren an der Macht war und der während dieser Zeit sich beständig geweigert hatte, eine Wahl zu organisieren, hatte nun die Wahl verloren und weigerte sich, die Macht an denjenigen, der die Wahl gewonnen hatte, Alassane Dramane Ouattara (von seinen Anhängern ADO genannt), zu übergeben.
Allgemein wurde verbreitet, dass Laurent Gbagbo während seiner 10-jährigen Machtzeit sich strikt geweigert habe, eine Präsidentschaftswahl zu organisieren und dass diese Wahl im Oktober und November 2010 nur unter dem Druck Frankreichs, der Europäischen Union und den USA zustande gekommen sei. Es wurde auch berichtet – überwiegend im französischsprachigen Raum – dass diese Wahl die teuerste der Welt gewesen sei (worüber es keinerlei Beweise gibt!).
Die Lage des Landes vor dieser Wahl hingegen wurde zumeist verschwiegen. Nämlich dass, die Elfenbeinküste geteilt war. Nur der Süden des Landes befand sich unter der Kontrolle der Regierung. Die Nordhälfte befand sich immer noch unter der Kontrolle der einstigen Rebellen, die sich Forces Nouvelles (neue Kraft) nannten. (Die Forces Nouvelles hatten sich Ende 2002, Anfang 2003 während des Bürgerkrieges aus den Rebellengruppen Patriotic Movement of Côte d’Ivoire (MPCI), Mouvement populaire ivoirien du Grand Ouest (MPIGO) und Mouvement pour la justice et la paix (MJP) unter Gulliaume Soro gebildet. Dass die UNO die Rebellen entwaffnen sollte – und merkwürdiger Weise nicht tat, obwohl es eine der Bedingungen für die Durchführung der Wahl war – auch das findet kaum Erwähnung.
Wieso die Präsidentschaftswahl, die eigentlich im Jahr 2005, dem offiziellen Ende der Amtszeit von Laurent Gbagbo, hätte stattfinden sollen, nicht organisiert worden war, wurde nicht erklärt. Die Berichterstattung war auffällig einseitig: Alles überwiegend Schlechte wurde auf Gbagbos Rechnung gesetzt.

Ende 2010 fand schließlich die Wahl in dem geteilten Land statt. Wie zu erwarten war, fand sie nicht unter den besten Bedingungen statt. Im Norden, wo die Rebellen noch an der Macht waren, fand sie unter Einschüchterung, Gewalteinwirkung und Tod von Laurent Gbagbos Anhängern statt. Das haben sogar die Wahlbeobachter der afrikanischen Union, unter der Leitung von Joseph Koffi Goh aus Togo, berichtet. In diesem Bericht wird dargelegt, dass zwei dieser Beobachter teilweise von der Forces Nouvelles, also den Rebellen, gefangen gehalten wurden und nur mit Hilfe von UNO-Soldaten befreit werden konnten. Solche Fakten wurden in den Medien im Allgemeinen nicht berichtet. In den gängigen Berichterstattungen waren die Fronten geklärt, gab es ein klares Bild von Gut und Böse: Gbagbo war der Böse, der Diktator, alles andere erschien uninteressant.

Ich persönlich weiß nicht, wer die Wahl gewonnen hat – ich weiß nur, dass eine erneute Zählung, wie sie von Laurent Gbagbo gefordert worden war, viele Leben hätte retten können. Wieso eine solche Maßnahme, die in allen „demokratischen “ Ländern selbstverständlich ist, von den westlichen Ländern, die das Sagen hatten, für die Wahl an der Elfenbeinküste abgelehnt worden ist, bleibt unverständlich und macht misstrauisch.

In den westlichen Ländern im Allgemeinen und auch in Deutschland (wo ich selbst lebe) ist Laurent Gbagbo der Diktator, der in Unterwäsche abgeführt wurde. Diese Bilder sind um die ganze Welt gegangen. Aber für viele Ivorer und Afrikaner, sowohl im Land selbst als auch außerhalb der Elfenbeinküste, steht der Name Laurent Gbagbo für einen Kämpfer gegen die Ungerechtigkeit und den Imperialismus. Für diejenigen, die ihn so sehen, ist ihm Unrecht angetan worden, weil er sich für sein Volk eingesetzt hat: Er war der Einzige, der eine Krankenkasse einführen wollte. Er war derjenige, der damit begonnen hatte, einen kostenlosen Schulbesuch zu ermöglichen und der die Rohstoff-Produzenten (Kaffee und Kakao) auf gerechte Weise entlohnen wollte. Laurent Gbagbo ist somit für die einen ein Diktator und für die anderen ein Held.

Seit seiner Überstellung an den Internationalen Gerichtshof (IStGH) in Den Haag im November 2011, hat er noch mehr an Ansehen gewonnen. Die Umstände seiner Inhaftierung waren offenbar nicht rechtmäßig. So schreibt u.a. das Nachrichtenmagazin Focus: „Bei dem kurzen Anhörungstermin warf Gbagbo der französischen Armee vor, seine Festnahme im vergangenen April organisiert zu haben. Befragt zu den Haftbedingungen in Den Haag sagte er, diese seien „korrekt“, nicht aber die Umstände seiner Festnahme.“ (1)

Und auch im Spiegel-online war und ist zu lesen:„Den Haag – Laurent Gbagbo machte einen entspannten Eindruck, lächelte seinen Unterstützern im Zuschauerraum zu. Während der 25-minütigen Befragung erhob der ehemalige Präsident der Elfenbeinküste jedoch schwere Vorwürfe. Am Montag ist Gbagbo erstmals vor dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag erschienen. Bei dem Anhörungstermin beschuldigte er die französische Armee, seine Festnahme im vergangenen April organisiert zu haben. Er habe gesehen, wie sein Sohn bei der Aktion verprügelt und ein Minister getötet wurde.“ (2)

Viele Menschen, zumeist auf dem afrikanischen Kontinent, in Europa oder Amerika, und in geringerem Maß auf den anderen Kontinenten, setzen sich für seine Freilassung ein. Sehr oft wird er mit Nelson Mandela oder Patrice Lumumba gleich gesetzt.
Währenddessen wird Alassane Ouattara, der jetzige Präsident der Elfenbeinküste, obwohl er von den westlichen Ländern wie Frankreich Großbritannien, USA, – Deutschland inbegriffen -anerkannt ist, von vielen nur als Marionette angesehen. Er dient offenbar nur dazu, den Einfluss der westlichen Mächte an der Elfenbeinküste zu sichern, damit sie so kostengünstig an die Rohstoffe und Bodenschätze kommen. Was noch erwähntswert ist, is dass die Elfenbeinküste neben  Kaffee und Kakao viele Rohstoffe und bodenschätze hat. Davon profitiert die Bevölkerung aber nicht.

In Deutschland ist das Phänomen Gbagbo in der Berichterstattung der Medien unsichtbar – nicht aber in Frankreich. Dort werden nahezu wöchentlich Massendemonstrationen für seine Freilassung organisiert. Für die Anhänger von Laurent Gbagbo, die mittlerweile in fast jedem afrikanischen Land und auch unter den Afrikanern in den anderen Teilen der Welt zu finden sind, ist er das Opfer des Imperialismus.In Frankreich haben sich seine Anhänger sogar bei der französischen Präsidentschaftswahl zu Wort gemeldet, und Nicolas Sarkosy den Kampf angesagt: Sie wollten unbedingt seine Abwahl. Und ihr Wunsch wurde erfüllt …!

(1) Elfenbeinküste: Laurent Gbagbo vor Internationalem Strafgerichtshof – FOCUS Online: http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/elfenbeinkueste-laurent-gbagbo-vor-internationalem-strafgerichtshof_aid_691094.html, aufgerufen am 31.05.2012
(2) http://www.spiegel.de/politik/ausland/ivorischer-ex-praesident-gbagbo-wettert-vor-gericht-gegen-franzoesische-armee-a-801883.html

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